Hervorgehobener Artikel

Interview mit Bundespräsident a.D. Dr. Richard von Weizsäcker

Das Interview wurde in Berlin geführt und entstand anläßlich einer Wechselausstellung in Bon

„Die Idee des Schlussstriches ist unrealistisch und unmenschlich“.  Dr. Richard von Weizsäcker über seinen Staatsbesuch 1985 in den Niederlanden

Herr Bundespräsident, seit wann hatten Sie persönliche Kontakte zu den Niederlanden?
Als Regierender Bürgermeister von Berlin-West hatte ich bereits früh Verbindungen zur Stadt Amsterdam, ihrer Kultur, ihrer vorbildlichen Bürgeraktivität, ihrer Weltoffenheit. Aber auch in den problematischen Bereichen großer Städte war der Austausch mit der niederländischen Metropole in den verschiedensten Bereichen – Drogenpolitik, Bildungspolitik, Hausbesetzung – für mich schon vor meinem Staatsbesuch 1985 intensiv und zweifellos der interessanteste, den ich überhaupt intermetropolitan habe pflegen können. Mein ältester Kontakt zu unserem Nachbarland gründet jedoch auf meiner Laientätigkeit in der evangelischen Kirche. Als langjähriges Mitglied des Exekutivausschusses und des Zentralkomitees des Weltkirchenrates mit Sitz in Genf nahm ich an einer Tagung in Utrecht teil. Dieser erste offizielle Besuch in den Niederlanden war zugleich auch meine erste Begegnung mit der damaligen Kronprinzessin Beatrix. Mit der ihr eigenen Wärme und echter innerer Beteiligung hielt sie als Gastgeberin der Tagung an die Gäste aus dem Ausland und an alle Kirchenleute ihres eigenen Landes eine Philippica, die mir imponiert hat. Die bewegendste Begegnung war jedoch mein Besuch der Niederlande als Bundespräsident im Sommer 1985.

Mit großer Spannung wurde damals darauf geachtet, wie Sie als Staatsoberhaupt in den Niederlanden empfangen wurden.
Von fast 50 Staatsbesuchen während der Dauer meiner Amtszeit war in mancher Hinsicht der bei unserem von Bonn her gesehen nächsten Nachbarn der schwierigste. Die Niederlande hatten allen Grund, den Deutschen gegenüber mit schweren Erinnerungen auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges, der Besatzung und Judendeportation zurückzublicken. Gleichzeitig war zum Glück im alltäglichen Miteinander der Menschen diesseits und jenseits der Grenzen seit 1945 ein höchst lebhafter Austausch entstanden. In der Europäischen Gemeinschaft spielten die Niederlande eine prägende, in mancher Hinsicht führende Rolle. Das Land hat immer seine eigene Geschichte, Größenordnung, Impulsivität und Energie entwickelt, die den Stimmen aus Den Haag, Amsterdam und Rotterdam stets ein besonderes Gewicht verliehen. Aus politischer Sicht fiel mein Besuch in den Niederlanden 1985 mit dem Signal einer Veränderung im Ost-West-Verhältnis zusammen. Michail Gorbatschow, damals Generalsekretär der KPdSU, strebte zum ersten Mal Reformen ernsthafter Art im gesamten sowjetischen Machtbereich an. Damit sah zwar noch niemand das Ende des Kalten Krieges voraus; dennoch wartete auf die Bundesrepublik Deutschland eine deutlich eigenständigere und mitführende Rolle im weiteren Ost-West-Verhältnis und im europäischen Integrationsprozess.

Gab es Angst vor einer führenden Rolle Deutschlands in Europa?
Einerseits erwartete man Initiative von deutscher Seite, andererseits war man stets darauf bedacht, Deutschland keine prädominante Rolle in Europa einnehmen zu lassen. Der Staatsbesuch 1985 lag kurz nach dem 40. Gedenktag des Endes des Zweiten Weltkrieges. Die Erinnerung an böse Zeiten wurden in den Niederlanden von neuem lebendig und die Empfindlichkeit schärfer. Bei weitem am deutlichsten gespürt habe ich dies bei meinen Begegnungen mit jungen Leuten. Anlässlich eines Gespräches mit Studenten über meine Zeit als Bürgermeister in Berlin-West fragte mich eine junge Frau, warum wir denn in Berlin-West die Türken so behandelten wie wir Deutschen früher die Juden behandelt hätten. Das war eine schreckliche, ganz ruhig vorgetragene Bemerkung, ein Zeichen dafür: Die Stereotypen waren und sind also immer noch in den Köpfen vorhanden.

Mit welchem Gefühl sind Sie nach diesem Staatsbesuch nach Bonn zurückgekehrt?
Die Aufnahme in den Niederlanden war gleichermaßen so unverstellt ernst wie interessiert und offen. Königin Beatrix ist mir als sehr gastfreundlich in Erinnerung geblieben; sie verharrte keineswegs in protokollarischen Höflichkeiten. Gleich beim ersten Abendessen wurde mir eine bewegende Geste zuteil: Nach der Rede der Königin und meiner Ansprache stand Prinz Claus, ihr Ehemann, ganz unerwartet auf und sagte auf Niederländisch, wir würden ihm sicherlich verzeihen, dass er jetzt gegen alle protokollarischen Regeln handele, aber er habe mir etwas mitgebracht. Er überreichte mir meine Rede zum 8. Mai im Bundestag in niederländischer Übersetzung und erklärte, dass es für einen deutschen Diplomaten nicht leicht gewesen sei, in das niederländische Königshaus einzuheiraten. Er habe sich aber Mühe geben, seiner verantwortungsvollen Aufgabe gerecht zu werden, wobei ihm vielfache Hilfe zuteil geworden sei. Und er fügte hinzu, dass ihm auch meine Rede geholfen habe.

Wie sehen Sie die Entwicklung im kulturellen Austausch der beiden Nachbarländer?
Die holländische Malerei ist in Deutschland zwar immer noch berühmter als die holländische Literatur, aber Schriftsteller aus den Niederlanden finden zunehmend auch in Deutschland begeisterten Zuspruch. Im Lauf der Jahrzehnte und Jahre hat es eine wachsende Zahl von verantwortungsvollen und einflussreichen Menschen im geistigen wie auch im politischen Feld gegeben, die sich der bekannten atmosphärischen Schwierigkeiten zwischen der niederländischen und der deutschen Kultur in einer sehr aktiven und auch verantwortungsvollen Weise zugewandt haben.

Gab es nach dem Zweiten Weltkrieg einen Wendepunkt, ab dem sich das Verhältnis der beiden Nachbarländer entspannte, Geschehnisse der Vergangenheit sogar als abgeschlossen betrachtet wurden?
Letzteres ist verständlicherweise bis zum heutigen Tage nicht eingetreten: Die sogenannten „Quislinge“ – einheimische Kollaborateure, die unter der deutschen Besetzung im Namen der Okkupanten die Okkupierten regierten – hat es in den Niederlanden nicht gegeben. Man kann nicht erwarten, dass die Geschehnisse der Vergangenheit als abgeschlossen betrachtet werden. Die Idee des Schlussstriches ist unrealistisch und unmenschlich. Das deutsch-niederländische Verhältnis hat jedoch mit der Entfaltung der europäischen Gemeinschaft eine Wende erfahren. Die Niederländer haben in Europa eine ganz eigene, führende und inspirierende Rolle übernommen. Die gemeinsame Lösung von wesentlichen Aufgaben, das Teilen von Erfolgen und Gefahren hat eine heilende Wirkung auf das Verhältnis der beiden Nachbarn. Dass die Deutschen nach der – in erster Linie europäischen – Wende nicht zum Nationalismus zurückkehrten, sondern sich im Gegenteil bemühten, noch europäischer zu sein als vorher, verspüren die Niederländer ebenfalls.

Welche Rolle spielt das deutsch-niederländische Verhältnis auf europäischer Ebene?
Die Niederlande hat im Bereich der europäischen Einigung eine sehr souveräne Stellung. Sie sind unbestreitbar europäisch orientiert. Was sie zur Überbrückung des Kanals nach Großbritannien in Bezug auf die europäische Zukunft leisten, kann ihnen von niemand anderem abgenommen werden und kommt allen Europäern zugute. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden sind mittlerweile so intensiv, dass man beiderseits gar nicht anders kann, als sich vernünftig aufeinander einzulassen. Je länger die Zusammenarbeit der beiden Nachbarstaaten währt, desto mehr wächst man in gemeinsame Fragestellungen und Aufgaben hinein. Im europäischen Rat vertragen wir uns recht gut – und ich hoffe, in Zukunft auf den Fußballfeldern auch.

Stefan Weirich
Erstveröffentlichung: Haus der Geschichte Magazin

Zur Person:
Am 15. April 1920 wird Richard von Weizsäcker in Stuttgart geboren. Ab 1938 studiert er – unterbrochen durch die Teilnahme am Zweiten Weltkrieg – Rechtswissenschaften und Geschichte an den Universitäten Oxford, Grenoble und Göttingen. Nach Tätigkeiten in der Industrie arbeitet der promovierte Jurist von 1967 an als Rechtsanwalt und Wirtschaftsprüfer in Bonn. Als Präsident des Evangelischen Kirchentages (1964-70 und 1979-81) und Mitglied der Synode und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (1967-84) setzt er sich für die Belange seiner Kirche ein. Als Mitglied im Bundesvorstand der CDU, der er seit 1954 angehört, wird Richard von Weizsäcker 1969 in den Deutschen Bundestag (bis 1981) gewählt und ist zwischen 1979 und 1981 Vizepräsident des Parlaments. Im März 1981 wird der Politiker Landesvorsitzender der Berliner CDU und am 11. Juni Nachfolger von Hans-Jochen Vogel (SPD) im Amt des Regierenden Bürgermeisters. Knapp drei Jahre später tritt von Weizsäcker als Bürgermeister von Berlin zurück und wird im Mai 1984 mit der Unterstützung von CDU, SPD und FDP zum Bundespräsidenten gewählt und 1989 im Amt bestätigt. Richard von Weizsäcker, der als Bundespräsident nach zwei Wahlperioden 1994 von Roman Herzog (CDU) abgelöst wird, ist seit 1953 verheiratet und hat vier Kinder. Weizäcker starb 2015.

Wikipedia Link zu Richard von Weizsäcker

Bilder die lügen – Peter Scholl Latour im Gespräch

Das Interview entstand in Bonn, 2001 am Rande einer Wechselausstelung

Herr Scholl-Latour, Sie waren Gastredner bei der Eröffnung der Ausstellung „Bilder die lügen“. Gefällt Ihnen die Ausstellung?
Mich hat die Ausstellung sehr beeindruckt. Sie ist sehr aufwendig gestaltet, das Buch zur Ausstellung ist sehr gut. Ich hoffe, diese Ausstellung findet die nötige Resonanz, schließlich behandelt sie ein ganz zentrales Problem unserer Arbeit als Journalisten, dass uns in Zukunft beschäftigen wird.

Werden sich die ungeschriebenen Regeln des Journalismus hinsichtlich der Manipulation von Bildern ändern? Wird möglicherweise nicht mehr so sorgsam mit der Authentizität umgegangen?
Ja, man sollte strengere Regeln festlegen, soweit man sich nicht schon selber aus eigenem Antrieb heraus verpflichtet fühlt. Ich habe selbst eine ganze Menge Erfahrungen gemacht, dadurch dass ich über den Golfkrieg berichtet habe, von Amman aus, natürlich auch durch meine Tätigkeit als Chefredakteur des Stern.

Sie übernahmen diese Funktion nach einem Skandal, der die ganze Presselandschaft aufhorchen ließ…
Richtig, nach der Affäre um die gefälschten Hitler Tagebücher übernahm ich diese Stelle, natürlich war ich durch die Affäre hochgradig sensiblilisiert für das Thema.

Waren Sie selbst einmal Betroffener einer Bildmanipulation?
Mit 27 Jahren habe ich einmal eine Fotoreportage gemacht, das war das erste und einzige Mal. Ich ritt von Indochina nach China über die Grenze, um mich mit Aufständischen zu treffen. Einer deutschen Illustrierten habe ich dann meine Fotos erfolgreich angeboten. Auf einem Foto war ich auf einem Pferd sitzend zu erkennen. Doch in der Illsturierten wurde das Bild mit einem retuschierten Gesicht veröffentlicht, darunter stand: Der Mann ist wieder nach China unterwegs und deswegen will er nicht erkannt werden.  Das ist der einzige Fall, an den ich mich erinnere.

Als Fernsehjournalist kann man auch Bilder beeinflussen.
Ach wissen Sie, es gibt viele Möglichkeiten der Einflußnahme, denken Sie nur an die Kameraeinstellung bei einer Demonstration. Wenn Sie die zehn Leute sehen, die sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, ist das nur ein Ausschnitt. Hunderte anderer stehen friedlich herum, die zeigt aber keiner. Der Betrachter der Fernsehbilder denkt direkt an eine Straßenschlacht, und schon entspricht die Berichterstattung nicht der ganzen Wahrheit. Natürlich weiß ich auch, wie man aus einer kleinen Menschenmenge eine riesige Menschenmenge machen kann und umgekehrt. Ein Gesicht beispielsweise, kann man mittels Fischauge verzerren. Es gibt viele Tricks, die Bilder zeigen, die nicht unbedingt die Wirklichkeit zeigen. Denken sie nur an den Golfkrieg, das zeigt die Ausstellung ja auch, hier wurde massiv manipuliert. Es gibt viele Möglichkeiten, Bilder, die lügen, anzufertigen, dies gilt auch für Fernsehleute.

Kann man von Mißbrauch reden?
Ich habe oft erlebt, dass sich Situationen schlagartig veränderten, wenn die Kameramänner mit der Arbeit begannen. Aus friedlichen Demonstranten wurden aufgebrachte Schreihälse und beim Absenken der Kamera erlosch der Protest schlagartig. Dann muß man sich die Frage stellen, wie berichte ich von dieser Veranstaltung und was zeigen meine Bilder. Langfristig erhalten sie nur dann eine hohe Reputation und Glaubwürdigkeit vor den Zuschauern, wenn sie zuverlässig analysieren und nüchtern und wahrheitsgemäß berichten. Die Ausstellung beschäftigt sich in hervorragender Weise mit diesem Thema und zeigt auch die Grenzen des guten Geschmacks auf, die jeder Betrachter für sich selbst ziehen muß.

Stefan Weirich

Interview mit Rudi Carell

Erstveröffentlichung im Haus der Geschichte Magazin 2000
Das Interview entstand am Rande einer Wechselausstellung in Bonn

Herr Carrell, wie haben Sie Deutschland kennengelernt ?
Den ersten Kontakt mit Deutschen hatte ich als Kind während des Krieges in Holland. Schon damals habe ich eine andere Einstellung zu den Deutschen bekommen als die meisten meiner Landsleute. Wir wohnten in der Nähe des Bahnhofs und weil wir

nichts zum Heizen hatten, haben wir oft entlang der Schienen nach Kohle gesucht. Ab und zu kam eine deutsche Lok und der  Lokführer hat ein richtig großes Stück echte Steinkohle heruntergeworfen. Das war schon mehr als freundlich. Damals hatten wir auf unserem Dachboden eine jüdische Frau vor den Deutschen versteckt. Es war ein holländischer Nachbar, der drohte, uns bei der Gestapo anzuzeigen, falls die Jüdin nicht verschwindet. So lernte ich sehr früh, die Dinge differenzierter zu betrachten! Ich wußte, es gibt auf beiden Seiten gute und schlechte Menschen. Nach dem Krieg hat mich dann das Land Deutschland fasziniert. Alles war kaputt und mußte neu aufgebaut werden – auch die Demokratie. Den politischen Neuanfang habe ich im Radio und in den Zeitungen sehr fasziniert verfolgt. Die Frage, wie wird das weitergehen, war für mich viel faszinierender als die Probleme meiner damaligen Heimat. Als ich 16 war, reiste ich mit dem Rucksack quer durch Deutschland und bereits vorher, mit elf Jahren, sah ich, als ich im sogenannten „Hungerwinter 1945/ 46“ für drei Monate nach Dänemark fuhr, das total zerbombte Hamburg. Das hat mich alles sehr geprägt. 

Womit verbinden Sie den Begriff Heimat?
Mit Deutschland, hier bin ich länger als in Holland. Ich bin jetzt 64 Jahre alt und habe davon 34 Jahre in Deutschland verbracht. Deutschland ist mein Land und wenn es gegen Holland Fußball spielt, bin ich natürlich für Deutschland. In Holland bin ich selbst nur Tourist.

Sie reisten damals durch das zerbombte Nachkriegsdeutschland. Welche Pläne hatten Sie?
Ich wollte im Showgeschäft groß werden, habe aber nie ernsthaft daran gedacht, in Deutschland zu arbeiten. Im deutschen Fernsehen habe ich Hans-Joachim Kulenkampffs „Einer wird gewinnen“ gesehen und gedacht: „Das ist eine tolle Show, ein phantastischer Showmaster und ein gutes Publikum, das wäre auch das Richtige für mich“. 1964 gewann ich die „Silberne Rose“ von Montreux und Radio Bremen kam auf mich zu und fragte: „Können Sie so eine Show – so eine preiswerte Show wie die „Rudi Carrell Show“ in Holland – auch in Deutschland machen? Da habe ich zugesagt. Es war mir sogar sehr lieb, weil ich das, was ich in den ersten vier Jahren in Holland gemacht habe, nur zu übersetzen brauchte und die gleichen Gags in deutsch machen konnte. Ich bin dann einfach hingegangen – ein bißchen frech – und habe die holländischen Drehbücher übersetzen lassen.

Gibt es etwas, was Sie in dieser Zeit besonders geprägt hat?
Bevor ich meine erste Show machte, traf ich in Hans-Joachim Kulenkampff und fragte ihn: „Wie ist das Publikum?“. Und er hat geantwortet: „Entweder gut oder sehr gut.“ Ich habe dann schnell festgestellt, daß das stimmt. Die Deutschen wollten lachen. Für deutsche Entertainer waren viele alltägliche Dinge zu normal, um darüber Witze zu machen. Mir fielen als Ausländer diese Dinge auf und ich baute sie in meine Gags ein. Das kam unheimlich gut an, denn das Publikum wußte genau, worüber ich rede.

Gibt es etwas, was Sie gestört hat?
Ja, etwas hat mich sehr gestört. Ich behaupte, daß die Deutschen Humor haben, nahezu alle Deutschen – mit einer Ausnahme: nicht bei der Arbeit. Früher war das sehr stark zu merken. In Holland konnte ich während der Proben meine Gags ausprobieren. Wenn die Kameraleute lachten, wußte ich: „Aha, das ist gut“. Während der Proben in Deutschland lachte niemand im Studio, da wurde eben ernsthaft gearbeitet.

Ist das heute noch so?
Nein, das ist nicht mehr der Fall. Heute wird auch während der Proben viel gelacht.

Woran orientieren Sie sich in Ihren eigenen Shows und Produktionen?
Ich versuche, zeitgemäße Shows zu machen – gebunden an die Aktualität. Als ich anfing mit meiner kleinen Carrell-Show, da war das die Antwort auf diese wahnsinnig gigantischen Shows mit 50 Mann Ballett, Orchester, Showtreppe u.s.w. und ich machte einen winzig kleinen Marktplatz auf der Bühne. Das hatte mehr Atmosphäre und Wärme und kam daher besser an. Das war ein absoluter Kontrast zu den damaligen Shows! Meine Sendung „Am laufenden Band“ war eine Reaktion auf die damaligen Wissenschafts-Quizsendungen. Wir haben gezeigt, daß die Kandidaten auch kreativ sein können, daß sie Humor haben. „Rudis Tagesshow“ war eine Parodie auf zu viele Nachrichtensendungen. In den achtziger Jahren kam diese Nachrichtenwelle – eine Nachrichtensendung nach der anderen – das schrie nach einer Parodie. Unsere aktuelle Sendung „7 Tage – 7 Köpfe“ wäre vor zehn Jahren nicht möglich gewesen, vor dreieinhalb Jahren war sie möglich. Man kann heute um 22.15 Uhr mal unter die Gürtellinie gehen. Kein Problem.

Sind Sie der berühmteste Holländer in Deutschland?
Ja, das ist so. In der Kölner Fußgängerzone würde man die holländischen Fußballer nicht erkennen, ebensowenig Königin Beatrix. Ich bin, neben Johannes Heesters, wohl der bekannteste Holländer in Deutschland.

Wie gehen Sie damit um?
Als ich der berühmteste Fernsehstar Hollands war, hat in der Amsterdamer Hauptstraße niemand reagiert – das tut man in Holland nicht. Und ich finde es herrlich, daß die Deutschen anders sind. Neun von zehn Leuten sagen „Rudi“ zu mir, Kinder genauso wie alte Leute. Das ist, wie ich finde, das größte Kompliment. Ich glaube das hängt damit zusammen, daß ich einer der letzten bin, die noch Familienfernsehen gemacht haben. Heute hat jede Generation ihr eigenes Fernsehen. Das war früher nicht so, da saß die ganze Familie vor dem Apparat – vom Großvater bis zur Enkelin. Daher habe ich ein bißchen das Gefühl, Teil der Familie zu sein. Das freut mich sehr.

Wie haben Sie den Fall der Mauer erlebt?
Der Fall der Mauer war vielleicht das Allerwichtigste in meinem ganzen Leben. Diese Mauer hat mich dermaßen gestört, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Wenn ich mir ausmalte, quer durch Amsterdam ginge so eine Mauer, das war undenkbar. Und ich bin selbstverständlich sehr oft nach Berlin gefahren, um mir das unmenschliche Ding auch mal von der anderen Seite anzuschauen. Als dann die Mauer fiel, war das für mich das Ereignis meines Lebens. Mich hat die Frage der Trennung immer beschäftigt und ich habe das mehr empfunden als mancher Deutsche, den ich dazu befragte.

Gibt es ein anderes Ereignis an das Sie sich gerne erinnern?
Für mich persönlich ja – aber Sie dürfen es nicht weitererzählen – das war 1974 als Deutschland Fußball-Weltmeis-ter wurde gegen Holland.

Gibt es einen Politiker, der Sie besonders beeindruckte?
Franz-Josef Strauß hatte einen Wahnsinns-Humor. Ein Erlebnis mit ihm war, daß ich auf einem Ball auf dem Weg zur Toilette Bundeskanzler Helmut Kohl die Hand gab und auf der Toilette stand ich dann neben Franz-Josef Strauß und frage ihn: „Herr Strauß, was ist nun wichtiger? Daß ich dem Bundeskanzler die Hand gedrückt habe oder hier neben Ihnen stehe und pinkele. Da sagte Strauß: „Versuchen Sie doch mal beides zur gleichen Zeit.“ Strauß war, genau wie übrigens Herbert Wehner oder auch Gregor Gysi und Joschka Fischer und Helmut Kohl sehr sprachgewandt und witzig. Wie diese Leute reden, das ist für mich ein Genuß. Vor vier Wochen, beim Euro-Gipfel in Köln, saß ich um halb elf in der Kneipe meines Hotels und wollte gerade ins Bett gehen, als sich von hinten eine Hand auf meine Schulter legte und jemand „Hallo Rudi“ sagte. Es war Bundeskanzler Gerhard Schröder und wir haben uns dann eineinhalb Stunden sehr gut unterhalten, 17 Kölsch zusammen getrunken und kein einziges Mal über Politik gesprochen. Das war ein echtes Erlebnis. Die Rechnung hängt eingerahmt in meinem Arbeitszimmer.

Zum Abschluß, wie hat Ihnen das Haus der Geschichte gefallen?
Es ist das interessanteste Museum, das ich je gesehen habe. Es ist sensationell gemacht und ich bin sehr stolz darauf, daß ich, wenn auch sehr klein, dort vertreten bin.

Stefan Weirich
Erstveröffentlichung: Haus der Geschichte Magazin

Rudi Carrell (eigentlich Rudolf Wijbrand Kesselaar) wird am 19. Dezember 1934 in Alkmaar in den Niederlanden geboren. Er verläßt das Gymnasium mit 17 Jahren und tritt 1951 bei einem Gastspiel seines Vaters, der ebenso wie der Großvater im Showgeschäft tätig ist, in dessen Fußstapfen und arbeitet als Entertainer, Zauberkünstler und Bauchredner. 1959 macht ihn ein Fernsehauftritt über Nacht berühmt und er erhält eine eigene Fernseh-Show, die „Rudi-Carrell-Show“, die zunächst im holländischen, später auch im deutschen Fernsehen mit großem Erfolg  gesendet wird. 1974 löst das Familienquiz „Am laufenden Band“ die Carrell-Show ab und sorgt für hohe Einschaltquoten. Bis 1979 werden 51 Folgen produziert. 1994 wechselt der Entertainer zum Sender RTL . Seit Dezember 1997 produziert und moderiert er den Wochenrückblick „7 Tage – 7 Köpfe“. Für seine Verdienste um die deutsche Unterhaltungsbranche wurde Carrell 1974 mit einem Bambi, mit der Goldenen Kamera der Zeitschrift Hörzu (1975, 1978 und 1991) sowie dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Aus erster Ehe hat der Entertainer zwei Töchter und ist bereits dreifacher Großvater. Aus zweiter Ehe stammt Carrells Sohn Alexander. Rudi Carrell erwarb 1975 das Rittergut Wachendorf, ein parkähnliches Grundstück mit Wassermühle in Syke im Stadtteil Wachendorf, auf dem er bis zu seinem Tod 2006 lebte.

Wikipedia Link zu Rudi Carell